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Vom Kleinkind zum Greis

Kölner Kindertagesstätte und Seniorenheim unter einem Dach

von Angelika Staub

Auf den ersten Blick wirkt die Kindertagesstätte im Kölner "Josefshaus" ganz gewöhnlich: Im Flur spielen zwei Kleine "Mutter und Kind", im Raum nebenan malen hochkonzentrierte Nachwuchskünstler an ihrem selbst kreierten Bildern. Dennoch: Die katholische Kindertagesstätte der Stiftung St. Josefshaus fällt aus dem Raster. Während die 155 Kinder in fünf Kita- und zwei Hortgruppen spielen und lernen, verbringen in der oberen Etage 33 Senioren ihren Lebensabend. Darunter auch so manche Großeltern der Kinder. Die Altersspanne unter dem gemeinsamen Dach ist beträchtlich: Der jüngste "Bewohner" zählt gerade zwei Jahre, die älteste beachtlich 100. Das Zusammenleben aber funktioniert gut, sogar sehr gut. Die Interessen der Generationen liegen in vielen Bereichen erstaunlich eng beieinander. Etwa bei Märchen. Ganz egal auf welcher Etage: Wenn die Märchenerzählerin kommt, bricht große Freude aus. Während die einen den Geschichten aus der glitzernden, geheimnisvollen Welt neugierig lauschen, kehrt bei den anderen die Erinnerung an unbeschwerte Kindertage zurück.

In der Beliebtheitsskala von Jung und Alt ganz oben stehen auch Gesellschaftsspiele. Gerne wird für eine gemeinsame Partie "Mensch-ärgere-dich-nicht" der Bau einer Sandburg unterbrochen und von den Senioren der mitunter beschwerliche Gang zur Parkbank am Rande des Spielplatzes in Kauf genommen.

Feste wie Sankt Martin, Karneval oder Jubiläen werden natürlich gemeinsam gefeiert. So auch kürzlich das 125-jährige Bestehen der Kindertagesstätte. Dabei erfuhren die Senioren, dass die Einrichtung die älteste Kita Kölns ist. 19 pädagogische und vier hauswirtschaftliche Mitarbeiter arbeiten dort. Die überwiegende Zahl der Kinder wird ganztägig betreut, derzeit 130 von 155.

1860 entstand, wo heute das gemeinsame Haus von Kita und Seniorenheim steht, eine Kinderverwahranstalt. Sie allerdings fiel dem Kulturkampf des preußischen Staates zum Opfer und musste bald wieder schließen. Ihr Nachfolger wurde die heutige Kindertagesstätte. 1881 eröffnete sie unter der Leitung von vier Schwestern der Kongregation der Christlichen Liebe. Damals ahnte noch niemand, dass bereits während des ersten Weltkrieges dort auch Senioren einziehen würden. Seitdem herrscht im "Josefshaus" ein reges miteinander, das Mairanne Ricking, Leiterin der Kita, liebevoll mit den Worten "sehr lebendig" umschreibt. Das Zusammenleben sei inzwischen "gewachsene Tradition - nicht übergestülpt, sonder ganz selbstverständlich". Ricking arbeitet bereits seit 26 Jahren in der Einrichtung und beobachtet: "Die Kinder gehen ganz unbefangen auf die älteren Menschen zu." Rollator, Krücken, Pflegebett und Rollsuhl sind für die Kleinen keinen zweiten Blick wert. Andererseits müssen sich den Senioren mit einer gewissen Geräuschkulisse tagsüber arrangieren. Das gehöre nun mal dazu, meint Ricking. Ebenso, "dass wir den Kindern beibringen: Da sind noch andere, auf die sie ihren blick werfen müssen." Kein Zufall also, dass der Spielplatz über Mittag verwaist. Die Kinder wissen genau, dass über ihnen Mittagsruhe gehalten wird. Die Regeln stehen fest und erfüllen zugleich den religionspädagogischen Auftrag der katholischen Kindertagesstätte.

Am Vertrautesten mit dem Alltag auf allen Etagen ist Elisabeth Dominik. Sie lebt inzwischen im Seniorenheim. Zweijährig betrat Frau Dominik 1927 erstmals das "Josefshaus" - als Kindergartenkind. Angesprochen auf das muntere Kindergeschrei im Hof, winkt die Senioren wohlwollend ab: "Das macht mir gar nichts." Sie fühlt sich im Mehrgenerationenhaus wohl. Es sei so etwas wie ihre "zweite Heimat" geworden. Kein Wunder: Nachdem Elisabeth Dominik damals Kindergarten sowie später auch den Hort verlassen hatte, hielt sie weiterhin Kontakt zur Einrichtung. Erst als Kinderbetreuerin und Hausmeisterin, dann als Pflegehilfskraft. Heute ist sie bettlägerig, fühlt sich aber dennoch wohl im bunten Miteinander der Generationen.

Erschienen in Kinderkrankenschwester, Heft 10, 2006.

Nachwuchskünstler

Nachwuchskünstler 

Innenhof

Gebäude aus dem Innenhof aufgenommen

Senioren  

Senioren

Frau Dominik mit Kindern der Kita  

Frau Dominik mit Kindern der Kita

 

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